Auf einen Blick
In Deutschland werden pro Jahr rund 1,3 Millionen Implantate gesetzt. Diese Zahl nennt die Deutsche Gesellschaft für Implantologie in ihrem Beitrag Implantologie 2024/2025 vom 29. November 2024 auf Basis aktueller Marktdaten der führenden Hersteller. Sie ist damit praktisch identisch mit der Größenordnung, die DGI-Präsident Prof. Dr. Frank Schwarz bereits Ende 2018 genannt hatte. Das MIMI®-Verfahren nach Prof. Dr. Armin Nedjat setzt an der Frage an, warum trotzdem so viele Praxen überweisen statt selbst zu implantieren. Der folgende Beitrag beschreibt, was das Verfahren technisch anders macht, wo sein Indikationsfenster endet und welche Nachsorgepflichten es ausdrücklich nicht abschafft.
Inhalt
- Eine Zahl, die sich seit 2018 kaum bewegt hat
- Was MIMI® technisch anders macht
- Der Zeitfaktor am Stuhl
- Die Lernkurve liegt in der Taktilität
- Wo das Indikationsfenster endet
- Was ein minimalinvasives Vorgehen nicht erspart
- Wer das Verfahren entwickelt hat, und unsere Offenlegung
- Eine Einordnung zum Schluss
- Quellen
- Über den Autor
Eine Zahl, die sich seit 2018 kaum bewegt hat
Am 3. Dezember 2018 berichteten die Zahnärztlichen Mitteilungen vom 32. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Implantologie in Wiesbaden. DGI-Präsident Prof. Dr. Frank Schwarz nannte dort für Deutschland rund 1,3 Millionen jährlich gesetzte Implantate und stellte dem die Zahl von 380.000 zwanzig Jahre zuvor gegenüber. Implantatgetragener Zahnersatz, so Schwarz, sei von der Notversorgung der 1960er Jahre zu einem wissenschaftlich anerkannten und etablierten Therapieverfahren geworden.
Sechs Jahre später kommt die DGI in ihrem Beitrag Implantologie 2024/2025 vom 29. November 2024 auf denselben Wert. Dort heißt es, aktuelle Marktdaten der führenden Hersteller belegten, dass in Deutschland pro Jahr 1,3 Millionen künstliche Zahnwurzeln aus Titan oder Keramik implantiert werden. Diese zweite Quelle ist die belastbarere, weil sie eine Methode benennt und weil sie deutlich jünger ist.
Interessant ist der Vergleich beider Zahlen. Der starke Zuwachs, den Schwarz 2018 beschrieb, liegt fast vollständig vor 2018. Seither bewegt sich die Menge der gesetzten Implantate in derselben Größenordnung, während das Indikationsspektrum laut DGI weiter gewachsen ist und die Bevölkerung älter geworden ist. Wer daraus einen Markt ableiten will, sollte also nicht mit weiterem Mengenwachstum rechnen, sondern mit einer Verschiebung der Frage, wo implantiert wird. Denn die Zahl der Praxen, die selbst implantieren, ist über denselben Zeitraum nicht im gleichen Maß gestiegen wie die Zahl der Eingriffe. Es wird überwiesen.
Die Gründe dafür sind selten fachliche Zweifel. Chirurgischer Aufwand, Geräteausstattung und eine spürbare Lernkurve bilden zusammen eine Hürde, die sich neben einem vollen Behandlungstag schwer nehmen lässt. Lappen bilden, Knochen freilegen, bohren, nähen und zwei Wochen später die Fäden ziehen: Dieser Ablauf passt schlecht in einen Terminplan, der ansonsten aus Füllungen, Prophylaxe und Prothetik besteht.
Was MIMI® technisch anders macht
MIMI® steht für Minimal Invasive Methode der Implantation. Prof. Dr. Armin Nedjat beschreibt das Verfahren im Interview mit frag-pip vom 31. März 2024 als minimalinvasive Implantation mithilfe der lappenlosen CNIP-Navigation und der sogenannten ossären Metamorphose im weichen Knochen. Gearbeitet wird transgingival, also durch die Schleimhaut hindurch, ohne dass ein Mukoperiostlappen gebildet wird. Der Knochen wird dabei nicht ausgeräumt, sondern kondensiert, also verdichtet, und die Navigation erfolgt über die Kortikalis.
Der fachliche Kern von Nedjats Argumentation liegt im Periost. Eine Ablösung der Knochenhaut, so seine im selben Interview vorgetragene Position, führe zu einem Verlust der Knochenernährung und zu osteoklastärer Resorption. Wer den Lappen vermeidet, vermeidet damit auch diesen Effekt. Nedjat verweist zusätzlich auf ein von ihm bereits 1995 postuliertes Low-Speed-Konzept und bezeichnet die Methode als Schlüssel-Loch-Methodik der zahnärztlichen Implantologie.
Wichtig für die Einordnung: MIMI® ist nach dieser Darstellung kein reines Chirurgieverfahren. In der Implantatprothetik wird ohne aktive Wiedereröffnung des Zahnfleischs gearbeitet, während beim konventionellen Vorgehen eine erneute Eröffnung mit mehrfacher Manipulation des Implantat-Innengewindes anfällt. Das Verfahren ist nach Angaben des Entwicklers sowohl für Spät- als auch für Sofortimplantationen geeignet und liegt in Varianten vor, etwa als MIMI® II bei schmalen Kiefern und als MIMI® VI beim Sinuslift. Nedjat gibt an, das Verfahren werde in über 5.000 deutschen Zahnarztpraxen und Kliniken eingesetzt. Diese Verbreitungszahl stammt vom Entwickler selbst und ist als solche zu lesen.
Eine ausführliche Darstellung des Ablaufs für Ein- und Umsteigerinnen hat Dentalwelt am 30. Januar 2024 veröffentlicht. Das zugehörige Implantatsystem, das Champions Evolution, besteht aus Titan Grade 4; seine Oberflächenrauigkeit entsteht durch Strahlen und dreifaches Ätzen.
Der Zeitfaktor am Stuhl
Die Dentalwelt-Darstellung nennt eine Zahl, die für die Praxisplanung greifbarer ist als jede Verfahrensbeschreibung. Für die konventionelle Chirurgie samt anschließender Prothetik einer Einzelkrone werden dort drei Stunden Behandlungszeit kalkuliert, für den entsprechenden Ablauf nach dem MIMI®-Verfahren eine Stunde. Beide Werte stammen aus einer Fachpublikation des Herstellerumfelds, nicht aus einer unabhängigen Vergleichsstudie.
Was daraus im Behandlungszimmer folgt, ist absehbar. Weniger durchtrenntes Gewebe bedeutet in der Regel geringere Schwellung und keinen Nahtverschluss, damit auch keinen Termin zum Fädenziehen. Der Eingriff rückt zeitlich in eine Größenordnung, die sich in einen normalen Praxistag einplanen lässt, statt ihn zu bestimmen.
Für Ihre Patientinnen und Patienten zählt allerdings eine andere Größe. Der Eingriff fühlt sich weniger nach Chirurgie an, und das senkt die Hemmschwelle bei genau der Gruppe, die eine Implantatversorgung sonst von Jahr zu Jahr weiterschiebt. Diese Gruppe ist in vielen Praxen größer als die Zahl der tatsächlich gesetzten Implantate vermuten lässt.
Die Lernkurve liegt in der Taktilität
Beim lappenlosen Arbeiten verschiebt sich der Schwerpunkt des Könnens. Wer den Knochen nicht sieht, muss ihn über das Instrument spüren, und diese Rückmeldung ist erlernbar, aber sie erschließt sich nicht aus einem Video und auch nicht aus einer Verfahrensbeschreibung wie dieser.
Nedjat selbst sieht das ähnlich pragmatisch. Auf die Frage nach nötigen Vorkenntnissen verweist er im frag-pip-Interview darauf, dass die Teilnehmenden bei den Schulungen im Champions Future Center selbst im MIMI®-Verfahren implantieren, und empfiehlt Einsteigerinnen und Einsteigern das Curriculum CIPC von und mit Prof. Dr. Dr. Bernard an der Universität Genf.
Das deckt sich mit dem, was wir in der Fortbildungsarbeit beobachten. Ein Verfahren, das jemand am Modell und unter Anleitung geübt hat, wird zu Hause angewendet. Ein Verfahren, von dem jemand nur gehört hat, in aller Regel nicht.
Wo das Indikationsfenster endet
An dieser Stelle trennt sich die seriöse Anwendung von der Werbung. Transgingival zu arbeiten heißt, auf die direkte Sicht auf den Knochen zu verzichten. Wer diese Sicht braucht, weil die Ausgangslage unklar ist, fährt mit dem konventionellen Vorgehen besser. Drei Konstellationen sind dabei besonders relevant.
Die erste sind unklare Knochenverhältnisse, bei denen sich die Ausdehnung eines Defekts vor dem Eingriff nicht sicher beurteilen lässt. Die zweite ist Augmentationsbedarf, also der Fall, dass Knochen aufgebaut und nicht nur kondensiert werden muss. Die dritte ist die anatomische Nähe zu Risikostrukturen, bei der eine dreidimensionale Planung nicht ersetzbar ist, auch wenn das Verfahren eine solche Bildgebung nicht grundsätzlich verlangt.
Ein minimalinvasives Vorgehen ist damit kein Freibrief für weniger Diagnostik, sondern ein Verfahren mit einem eigenen, klar umrissenen Anwendungsbereich. Wer diesen Bereich kennt, arbeitet sicher darin.
Was ein minimalinvasives Vorgehen nicht erspart
Der zm-Bericht von 2018 enthält neben der bekannten Zahl eine Warnung, die in der Diskussion um Verfahren häufig untergeht. Der demografische Wandel und das breitere Indikationsspektrum führen laut Schwarz dazu, dass Zahnärztinnen und Zahnärzte mehr Risikopatienten versorgen und die absolute Zahl an Komplikationen steigt.
Konkret nannte er die Periimplantitis. Sie galt früher als seltene Erkrankung, die erst viele Jahre nach einer Implantation auftrete. „Diese Einschätzung ist obsolet“, sagte Schwarz. Die Erkrankung könne bereits zwei bis drei Jahre nach der Implantation beginnen, entwickele sich nicht-linear und, verglichen mit einer Parodontitis, beschleunigt. Ende Juni 2018 hatten die US-amerikanischen und europäischen Fachorganisationen für Parodontologie eine neue Klassifikation parodontaler Erkrankungen veröffentlicht, in der erstmals auch die Periimplantitis und ihre Vorstufe, die periimplantäre Mukositis, aufgenommen wurden. Eine S3-Leitlinie der DGI zur Therapie periimplantärer Infektionen lag zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren vor.
Schwarz leitete daraus eine Botschaft ab, die er ausdrücklich an die Patientenkommunikation adressierte: „Ein Zahnimplantat muss mindestens so gut gepflegt und noch engmaschiger kontrolliert werden wie die eigenen Zähne.“
Für die Bewertung von MIMI® bedeutet das: Ein schonenderer chirurgischer Zugang verkürzt die Heilung und senkt die Hemmschwelle, aber er verändert nichts an der Nachsorge. Recall-Intervalle, Sondierung und Mundhygieneinstruktion gehören zur Implantatversorgung unabhängig davon, wie das Implantat in den Knochen gekommen ist.
Wer das Verfahren entwickelt hat, und unsere Offenlegung
Prof. Dr. Armin Nedjat arbeitet seit 1994 implantologisch und hat nach eigenen Angaben über 25.000 Implantationen durchgeführt. 2006 gründete er die Champions-Implants GmbH, die nach Unternehmensangaben innerhalb von zehn Jahren in die Top 5 der Implantatsysteme im deutschsprachigen Raum aufstieg und heute in über 60 Länder exportiert. Das von ihm entwickelte MIMI®-Verfahren erhielt 2013 den Senses Award als beste Innovation in der Medizin. 2016 gründete er zusätzlich die Champions-Clinic in Flonheim. Seine Weiterbildung umfasst Aufenthalte an der Harvard Medical School. Die Angaben zu Implantationszahl, Marktstellung und Exportländern stammen von ihm beziehungsweise aus Unternehmensangaben; eine unabhängige Bestätigung liegt uns nicht vor.
Offenlegung. Prof. Dr. Armin Nedjat ist Entwickler des MIMI®-Verfahrens und Gründer der Champions-Implants GmbH, die das zugehörige Implantatsystem herstellt und vertreibt. Er hat damit ein wirtschaftliches Interesse an der Verbreitung des Verfahrens. Die in diesem Beitrag wiedergegebenen Angaben zu Verbreitung, Zeitersparnis und Marktstellung stammen überwiegend vom Entwickler oder aus dem Herstellerumfeld und sind an den jeweiligen Stellen als solche gekennzeichnet. Eine unabhängige vergleichende Studienlage zum Verfahren wird in diesem Beitrag nicht wiedergegeben. Prof. Dr. Nedjat hat ein Referentenprofil bei Dentys; für die Dentist Experience '26 ist er nicht als Referent gebucht.
Eine Einordnung zum Schluss
Ein Verfahren wird nicht dadurch gut, dass die Bezeichnung minimalinvasiv darauf steht, und es wird auch nicht dadurch fragwürdig, dass ein Hersteller dafür wirbt. Beides sind Verpackungsfragen.
Brauchbar wird es in dem Moment, in dem eine Behandlerin einschätzen kann, für welchen Fall es taugt und für welchen nicht, und in dem sie die Nachsorge genauso ernst nimmt wie den Eingriff. Diese Unterscheidung lässt sich in keinem Prospekt vermitteln. Sie entsteht in der eigenen Anwendung, unter Anleitung und in der Nachsorge.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Implantologie: Implantologie 2024/2025. Daten, Fakten, Positionen, dginet.de, 29. November 2024. Quelle für 1,3 Millionen Implantate pro Jahr auf Basis von Marktdaten der führenden Hersteller.
- Zahnärztliche Mitteilungen: 1,3 Millionen Zahnimplantate pro Jahr, 3. Dezember 2018. Bericht vom 32. DGI-Kongress in Wiesbaden mit den Aussagen von Prof. Dr. Frank Schwarz. Quelle für 380.000, für die Periimplantitis-Aussagen und für beide Schwarz-Zitate.
- frag-pip: MIMI-Verfahren, ein ausgereiftes minimalinvasives Vorgehen, Interview mit Dr. med. dent. Armin Nedjat, 31. März 2024. Quelle für CNIP-Navigation, ossäre Metamorphose, Low-Speed-Konzept, die Periost-Argumentation, MIMI® II und VI sowie die Verbreitungsangabe von über 5.000 Praxen. Angaben des Entwicklers.
- Dentalwelt: MIMI-Verfahren, minimal invasiv implantieren für Ein- und Umsteiger, 30. Januar 2024. Quelle für den Zeitvergleich von drei zu einer Stunde und für die Angaben zum Champions Evolution. Fachpublikation aus dem Herstellerumfeld.
Über den Autor
Yasin Schirwath ist seit 2018 ärztlicher Leiter und Partner der Zahnwelt Hannover sowie der Kinderzahnarztpraxis Zahnzauberwelt Hannover. Er arbeitet täglich mit Intraoralscannern, digitalen Gesichtsbögen, präoperativer Aligner-Therapie, digitaler Implantatplanung und navigierter Implantation. Seine fachlichen Schwerpunkte liegen auf biologischen Knochenaufbauten für langzeitstabile Ergebnisse und auf der Digitalisierung von Praxisorganisationsprozessen. Bei der Dentist Experience '26 in Griechenland referiert er zu künstlicher Intelligenz in der Zahnheilkunde, zu Internetsicherheit und zur Praxis-Automatisierung.
Dieser Beitrag beschreibt ein Behandlungsverfahren und ersetzt keine zahnärztliche Beratung. Ob eine Implantatversorgung im Einzelfall sinnvoll ist und mit welchem Verfahren sie durchgeführt werden sollte, entscheidet die behandelnde Zahnärztin oder der behandelnde Zahnarzt anhand des Befunds.
Empfohlene Beiträge
Entdecken Sie unsere beliebtesten Beiträge rund um Zahnmedizin, Fortbildung und Praxisalltag.





