Das Röntgenbild im Wandel der Zeit — von Wilhelm Conrad Röntgen zur künstlichen Intelligenz
Als Wilhelm Conrad Röntgen am 8. November 1895 die nach ihm benannte Strahlung entdeckte, ahnte er nicht, dass sein Zufallsfund eines Tages die medizinische Diagnostik grundlegend prägen würde. Keine drei Jahre später fertigten Zahnärzte die ersten dentalen Röntgenaufnahmen an. Seither ist das Röntgenbild aus der Zahnarztpraxis nicht mehr wegzudenken — es ist das wichtigste diagnostische Werkzeug zur Erkennung von Karies, Parodontitis, periapikalen Läsionen und Knochenverlust.
Doch nach 130 Jahren stehen wir an einer neuen Schwelle. Künstliche Intelligenz hält Einzug in die Röntgenbefundung — und die klinischen Ergebnisse sind bemerkenswert. Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Ateneo Laboratory for Intelligent Visual Environments veröffentlichte im April 2025 Daten, die in der zahnmedizinischen Fachwelt erhebliche Aufmerksamkeit erregt haben: ein KI-System auf Basis des YOLO 11n-Algorithmus erreichte bei der Analyse von Panoramaröntgenaufnahmen eine durchschnittliche Genauigkeit von 98,2 % bei der Erkennung anatomischer Strukturen und potenziell pathologischer Befunde — darunter auch die diagnostisch anspruchsvolle odontogene Sinusitis.
Was bedeutet das für Ihre tägliche Praxis? Und wo liegen die Grenzen dieser Technologie? Dieser Beitrag gibt Ihnen eine fundierte, ehrliche Antwort — auf Basis aktueller Studiendaten, des BZÄK-Positionspapiers vom Oktober 2025 und der Erfahrungen aus deutschen Praxen.
Was KI-Systeme heute in der Zahnarztpraxis leisten können
Die verfügbaren KI-Systeme für die dentale Bildanalyse sind heute deutlich ausgereifter als noch vor wenigen Jahren. Sie funktionieren nicht als autonome Diagnosesysteme, sondern als intelligente Befundungsassistenten — als trainierter zweiter Blick, der Befunde markiert, priorisiert und dokumentiert.
Die wichtigsten Systeme im Überblick
dentalXrai — das wohl bekannteste deutsche System — wurde von Prof. Dr. Falk Schwendicke entwickelt, dem Inhaber des Lehrstuhls für Orale Diagnostik, Digitale Zahnheilkunde und Versorgungsforschung an der Charité Berlin. Schwendicke, aktuell einer der meistzitierten Zahnmediziner Deutschlands, betont den assistierenden Charakter unmissverständlich: „Die KI übernimmt dabei nicht die Verantwortung für die Zahnuntersuchung und entscheidet auch nicht über Therapien.“ Das System analysiert Röntgenbilder auf Karies, Füllungsränder, periapikale Aufhellungen und parodontale Knochenverluste — und markiert auffällige Bereiche visuell für den Behandler.
Pearl Second Opinion — das US-amerikanische, FDA-zugelassene System — erreicht nach Herstellerangaben eine Erkennungsgenauigkeit von 94 % und ist auf die Echtzeit-Analyse von Intraoral-Röntgenbildern spezialisiert. In klinischen Studien zeigte Pearl, dass die KI-Unterstützung die Fallakzeptanzrate bei Patienten um bis zu 30 % steigern kann — ein nicht zu unterschätzender Praxisvorteil.
Overjet — ebenfalls FDA-zugelassen — legt einen Schwerpunkt auf die quantitative Messung von Knochenverlusten und die Dokumentation parodontaler Befunde, was die Kommunikation mit Patienten und Kostenträgern erheblich erleichtert.
DTX Studio Clinic (DEXIS/Dentsply Sirona) integriert KI-gestützte 2D-Befundung direkt in den Praxis-Workflow. Das Modul „DTXassist“ erkennt in neu aufgenommenen und bestehenden 2D-Intraoral-Röntgenbildern automatisiert sechs pathologische Befundkategorien, ohne dass der Behandler zwischen verschiedenen Applikationen wechseln muss.
Was die Systeme erkennen
Moderne KI-Systeme analysieren Röntgenbilder auf ein breites Spektrum klinisch relevanter Befunde:
- Karies — interproximal, okklusal, zervikal — auch in frühen Stadien
- Sekundärkaries unter bestehenden Restaurationen
- Periapikale Läsionen und apikale Aufhellungen
- Parodontaler Knochenverlust — horizontaler und vertikaler Knochenabbau
- Überhängende Füllungsränder und fehlerhafte Konturen
- Zahnsteinablagerungen im Röntgenbefund
- Implantatzustände und periimplantäre Veränderungen
- Anatomische Leitstrukturen wie Nervkanal, Kieferhöhle, Knochentrabekel
Der entscheidende Vorteil liegt nicht nur in der Erkennungsrate selbst, sondern in der Konsistenz: Während menschliche Befundung von Tageszeit, Erfahrungsgrad, Bildschirmqualität und Arbeitsbelastung abhängt, liefert die KI bei identischer Bildqualität stets dieselbe systematische Analyse.
Die Zahlen: Was Studien wirklich belegen
Genauigkeit in der klinischen Anwendung
Die Studienlage zur KI-gestützten Röntgenbefundung ist in den letzten Jahren erheblich gewachsen und zeichnet ein konsistentes Bild.
Für die Kariesdetektion zeigt eine 2025 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit (Luke et al., PMC/NIH), dass KI-Systeme Spezifitätswerte von bis zu 98,19 % und Sensitivitätswerte von bis zu 98,85 % in Studien erreichen. Ein weiteres systematisches Review (Carvalho et al., 2024) zu approximaler Karies auf Bissflügelaufnahmen bestätigt hohe Sensitivitäts- und Spezifitätswerte der KI — bei vergleichsweise niedrigeren Werten für die alleinige menschliche Befundung ohne KI-Unterstützung.
Besonders aufschlussreich ist ein randomisiertes kontrolliertes Experiment (Das et al., 2024): Die KI-Software erzielte eine diagnostische Genauigkeit, die mit der erfahrener Behandler vergleichbar oder diese übertreffend war.
Für periapikale Läsionen erreichten aktuelle Deep-Learning-Ansätze in CBCT-Aufnahmen Genauigkeitswerte von bis zu 93 % (Setzer et al.), was angesichts der diagnostischen Schwierigkeit dieser Läsionen in der Panoramaaufnahme bemerkenswert ist.
Das ZWP-online berichtete im April 2025 über das eingangs erwähnte YOLO-11n-System mit 98,2 % Treffsicherheit und resümierte: „Für die zahnärztliche Praxis eröffnet dies ein interessantes Anwendungsspektrum — denkbar ist der Einsatz sowohl zur Erstbefundung als auch als ergänzendes Werkzeug in der Behandlungsplanung oder Verlaufskontrolle.“
Was das für die Praxis bedeutet: Mehr Befunde, weniger Übersehenes
Eine Studie (Benakatti et al., 2025) zeigt, was viele Behandler aus eigener Erfahrung bestätigen: Zahnärzte allein erreichten eine Diagnosegenauigkeit von 63,3 %, die sich durch KI-Unterstützung auf 78,8 % erhöhte. Das ist kein Vorwurf gegenüber menschlicher Expertise — sondern ein Beleg dafür, dass zwei systematisch arbeitende Instanzen mehr sehen als eine allein.
Patientenakzeptanz: Mehrheit stimmt zu — unter klaren Bedingungen
Eine repräsentative Befragung von 2.000 Personen in Deutschland, durchgeführt von Censuswide im Auftrag von Discover Dental (September 2025), ergab: 59 % der Patienten würden eine KI-unterstützte Untersuchung oder Diagnose zulassen — unter der Voraussetzung, dass Sicherheit gewährleistet ist und die ärztliche Entscheidungshoheit bestehen bleibt. Über 30 % befürworten auch den KI-Einsatz für administrative Aufgaben wie Kostenplanung und Praxismanagement.
Nathan Münnich, Geschäftsführer von Discover Dental, fasst den Schlüssel zur Akzeptanz treffend zusammen: „Entscheidend ist, dass Patientinnen und Patienten verstehen, wofür KI eingesetzt wird. Assistenz ja — Autopilot nein.“
Auch internationale Studien bestätigen das Muster: Patienten zeigen eine grundsätzlich positive Haltung gegenüber KI in der Zahnmedizin — insbesondere wenn die KI als Unterstützung des Zahnarztes, nicht als Ersatz dafür, kommuniziert wird.
Rechtlicher Rahmen: Haftung, DSGVO und was Sie in Ihrer Praxis beachten müssen
Das BZÄK-Positionspapier Oktober 2025: Die wichtigsten Eckpunkte
Die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) hat im Oktober 2025 ihre Empfehlung „Künstliche Intelligenz in der zahnärztlichen Praxis“ veröffentlicht — ein Dokument, das Rechtsrahmen, Berufsrecht und praxisnahe Checklisten zusammenführt. Die Kernaussage ist eindeutig: Zahnärzte und Zahnärztinnen bleiben auch beim Einsatz von KI-Anwendungen persönlich voll verantwortlich.
Das Positionspapier wurde von einer Arbeitsgruppe erarbeitet, der unter anderem Prof. Dr. Falk Schwendicke angehört — was die wissenschaftliche Fundierung des Dokuments unterstreicht.
EU-KI-Verordnung und Medizinproduktrecht
Seit Februar 2025 ist der EU AI Act in Kraft und betrifft auch Zahnarztpraxen unmittelbar. Besonders relevant: KI-Systeme mit zahnmedizinischer Zweckbestimmung — also KI-Software in Medizinprodukten der Risikoklasse IIa oder höher — werden als Hochrisiko-KI klassifiziert. Das hat konkrete Konsequenzen:
- Hersteller müssen eine Konformitätsbewertung mit CE-Kennzeichnung durchlaufen
- Die Betriebsanleitung muss Angaben zu Genauigkeit, Robustheit und Leistungsgrenzen enthalten
- Als Betreiber sind Sie verpflichtet, das System ausschließlich gemäß Betriebsanleitung und unter menschlicher Aufsicht zu betreiben
- Patienten müssen darüber informiert werden, wenn KI in ihrer Behandlung eingesetzt wird (Artikel 26 und 50 EU AI Act)
Die Pflichten für Hochrisiko-KI in Medizinprodukten gelten vollumfänglich ab dem 02.08.2027 — die Weichen sollten aber jetzt gestellt werden.
DSGVO und Patientendaten
KI-Anwendungen verarbeiten Gesundheitsdaten — und damit die sensibelste Kategorie personenbezogener Daten der DSGVO. Die BZÄK empfiehlt, vor jeder KI-Einführung konkrete Fragen zu klären:
- Wo werden die Daten gespeichert und verarbeitet — in Deutschland, der EU oder außerhalb?
- Werden Patientendaten vom Hersteller zu Trainingszwecken genutzt?
- Liegt ein Auftragsverarbeitungsvertrag (AVV) vor?
- Wie werden Patienten informiert, und auf welcher Rechtsgrundlage erfolgt die Verarbeitung?
Praxen, die diese Fragen vorab sorgfältig klären, sind rechtlich abgesichert und bauen gleichzeitig das Vertrauen ihrer Patienten auf.
Haftungsfrage: Wer trägt die Verantwortung?
Die rechtliche Antwort ist klar, auch wenn sie manchen überraschen mag: Sie als Behandler. Die KI ist ein Werkzeug — vergleichbar mit einem hochwertigen Vergrößerungssystem oder einem digitalen Volumentomographen. Sie haften für die Diagnose, die Sie stellen, und für die Therapie, die Sie empfehlen — unabhängig davon, welche Hilfsmittel Sie dabei einsetzen.
Diese klare Zuordnung ist kein Nachteil — sie ist der Garant dafür, dass zahnärztliche Expertise im Mittelpunkt bleibt.
Wo KI an ihre Grenzen stößt — ein ehrlicher Blick
So beeindruckend die Genauigkeitswerte sind: Eine seriöse Auseinandersetzung mit KI in der Zahnmedizin erfordert auch einen klaren Blick auf die Grenzen.
Trainingsdaten-Bias
Jedes KI-System ist nur so gut wie die Daten, mit denen es trainiert wurde. Systeme, die überwiegend mit Bildern aus bestimmten Regionen, Bildgebungsgeräten oder Patientenpopulationen trainiert wurden, können in anderen Kontexten schlechtere Ergebnisse liefern.
Seltene Pathologien
KI-Systeme erkennen zuverlässig, was häufig vorkommt und gut repräsentiert in den Trainingsdaten ist. Bei seltenen Pathologien — ungewöhnlichen Knochenläsionen, seltenen Tumorentitäten oder atypischen Befundkonstellationen — ist klinische Erfahrung und fachärztliche Einschätzung unverzichtbar.
Bildqualität als limitierender Faktor
KI-Befundung ist nur so gut wie die Bildqualität, die sie analysiert. Unterbelichtete Aufnahmen, Lagerungs- oder Bewegungsartefakte oder veraltete Sensorik begrenzen die Leistung des Algorithmus.
Der Automatisierungs-Bias — eine unterschätzte Gefahr
Ein Risiko, das die Fachliteratur 2025 zunehmend diskutiert, ist der sogenannte Automatisierungs-Bias: die Tendenz von Behandlern, KI-Befunden unkritisch zu vertrauen und die eigene klinische Einschätzung zurückzustellen. Die Lösung liegt in einer bewussten Arbeitsweise: KI-Befunde als strukturierten zweiten Blick nutzen, aber stets die eigene klinische Beurteilung voranstellen.
Praktische Einführung: So integrieren Sie KI sinnvoll in Ihre Praxis
Schritt 1: Bedarfsanalyse vor der Anschaffung
Bevor Sie sich für ein KI-System entscheiden, lohnt eine ehrliche Bestandsaufnahme: Wo in Ihrer Befundung sehen Sie Optimierungspotenzial? Die Antwort auf diese Fragen bestimmt, welches System am besten zu Ihrer Praxis passt.
Schritt 2: Zertifizierung und Rechtsstatus prüfen
Achten Sie auf Systeme mit CE-Kennzeichnung als Medizinprodukt und nachvollziehbarer Risikoklassifizierung. Fragen Sie nach Konformitätserklärungen und Angaben zur klinischen Validierung.
Schritt 3: DSGVO-Konformität sicherstellen
Schließen Sie einen Auftragsverarbeitungsvertrag mit dem Anbieter. Prüfen Sie, ob und wie Patientendaten zu Trainingszwecken verwendet werden. Informieren Sie Ihre Patienten über den KI-Einsatz.
Schritt 4: Team schulen und Workflow anpassen
Eine KI-Lösung ist nur so wirksam, wie das Team, das sie nutzt. Planen Sie eine Einführungsschulung für alle Behandler und ZFAs ein.
Schritt 5: Realistische Erwartungen pflegen
KI macht gute Zahnmedizin besser — sie macht keine schlechte Zahnmedizin gut. Der Mehrwert entsteht im Zusammenspiel von Algorithmus und ärztlicher Kompetenz.
Kosten und Verfügbarkeit
Die Kostenstrukturen variieren je nach Anbieter und Praxisgröße erheblich. Laut Branchenschätzungen bewegen sich die monatlichen Lizenzkosten für praxisorientierte KI-Befundungssysteme im mittleren dreistelligen Bereich. Viele Anbieter bieten Testphasen an, die einen unverbindlichen Praxiseinsatz ermöglichen.
Fazit: KI als Befundungsassistent — nicht als Befunder
Die Botschaft aus Forschung, Fachverbänden und frühen Anwendern ist eindeutig: KI-gestützte Röntgenbefundung ist kein Zukunftsversprechen mehr — sie ist klinische Realität, mit messbarem Nutzen und klarem Rechtsrahmen.
Genauigkeitswerte von über 98 % in der Erkennung anatomischer Strukturen und pathologischer Befunde, eine Patientenakzeptanz von 59 % in Deutschland unter klaren Bedingungen und ein BZÄK-Positionspapier, das den Rechtsrahmen verlässlich absteckt — das sind keine Werbebotschaften, sondern belegte Fakten.
Gleichzeitig gilt: KI verändert die Zahnmedizin, aber sie ersetzt das ärztliche Urteil nicht. Wer KI als das versteht, was sie ist — ein präzises, konsistentes, lernfähiges Werkzeug im Dienst der ärztlichen Expertise — wird seinen Patienten eine noch bessere Versorgung bieten können.
Über den Autor / Dentys-Hinweis
Sie möchten KI nicht nur verstehen, sondern live erleben — an echten Fällen, von einem Praktiker, der täglich damit arbeitet?
Beim Dentist Experience ’26 — dem exklusiven Fortbildungsevent von Dentys vom 18. bis 25. September 2026 am ROBINSON Kyllini Beach in Griechenland — widmet sich Yasin Schirwath in gleich zwei Sessions genau diesem Thema.
Yasin Schirwath ist seit 2018 ärztlicher Leiter und Partner der Zahnwelt Hannover und der Zahnzauberwelt Hannover. Er arbeitet täglich mit Intraoralscannern, digitalen Gesichtsbögen, KI-gestützter Diagnostik, digitaler Implantatplanung und navigierter Implantation.
- Tag 1: KI in der Zahnheilkunde — Wie KI-Systeme in den klinischen Alltag integriert werden, was sie leisten und wo ihre Grenzen liegen
- Tag 2: Internetsicherheit und KI — Datenschutz, DSGVO-Konformität und sichere digitale Infrastruktur für die moderne Zahnarztpraxis
Der Dentist Experience ’26 verbindet erstklassige Fortbildung mit einem exklusiven Rahmen — für Zahnärztinnen und Zahnärzte, die Verantwortung für ihre Entwicklung übernehmen.
Informieren Sie sich jetzt über das vollständige Programm und die Anmeldemöglichkeiten unter dentys.de
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